Wanderausstellung "Gegen das Vergessen"
Wanderausstellung "Gegen das Vergessen" 

Gegen das Vergessen, Wanderausstellung 1. Station

Steffen Schneider, Bürgermeister Stadt Oederan

01.12.2020 bis 22.01.2021

Jedes Jahr am 27. Januar stehen viele Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt auf dem Oederaner Friedhof an den Gräbern der drei jüdischen Frauen anlässlich des Holocaustgedenktages. Jedes Jahr gedenken wir an diesem Tag der Millionen Opfer des Nationalsozialismus, und so manches Mal erinnerten wir uns speziell an diesem Tag an die Häftlinge des KZ Flossenbürg mit seiner Außenstelle in Oederan.

Ja und jedes Jahr sagen wir uns wegen der altersbedingt weniger werdenden Zeitzeugen, dass diese gelebte Erinnerung die eigentliche Hauptaufgabe der Gegenwart ist  und der Zukunft sein wird. Zahlreiche Zeitzeugen sind bereits verstorben und häufig auch deren Erinnerungen verloren. Zum Glück gibt es einige Oederanerinnen und Oederaner, die diese Geschichte erforscht haben und immer noch erforschen und damit das Geschehene festhalten.

Heute, anlässlich dieser Ausstellungseröffnung, haben wir eine  gute Gelegenheit, uns dieser Thematik zu stellen und der Opfer zu gedenken. Sie gehört zu unserer Stadtgeschichte. Die Häftlinge von Flossenbürg und insbesondere dessen Außenstellen vereinen die Ausstellungsorte dieser Schau in Mittelsachsen. Sie bilden somit ein gemeinsames Band. Was liegt also näher, als diesen Teil unserer gemeinsamen Geschichte ein wenig zu beleuchten.  

Sprechen möchte ich daher im Folgenden über die Zwangsarbeiterinnen des Außenlagers des KZ Flossenbürg in der ehemaligen Fabrik Kabis, später Nähfaden und heute Alterfil. Dort befand sich die Unterkunft. Gearbeitet wurde aber auch bei Salzmann, der ehemaligen Wäscheunion und natürlich in den Räumen der Fa. Kabis selbst für die Deutsche Kühl- u. Kraftmaschinen GmbH (DKK Scharfenstein). Diese Firma gründete gemeinsam mit der Auto Union AG noch 1944 die Fa. Agricola GmbH, die insbesondere bei Salzmann das Problem der fehlenden Infanterie Munition mit lösen sollte.

Oederan war in dieser Hinsicht kein Sonderfall, sondern entsprang der zur damaligen Zeit gängigen Praxis, Rüstungsproduktion dezentral zu organisieren. Die aus dem KZ Flossenbürg geliehenen Häftlinge waren eigentlich der Ersatz für die fehlenden Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie.

So waren in den Jahren 1944/1945 in drei Transporten ca. 500 jüdische Frauen und Mädchen, zumeist aus Auschwitz kommend, über Freiberg und Chemnitz nach Oederan gelangt. Unter ihnen waren schätzungsweise 250 aus Lódz, 50 aus Krakau, etliche aus Ungarn und 50 aus der Tschechoslowakei, Belgien, Holland und anderen Ländern. Sie mussten als Zwangsarbeiterinnen hier insbesondere Geschosshülsen produzieren und Bauarbeiten jeglicher Art, eigentlich „Männerarbeit“, vornehmen.

Aus den Schilderungen einiger Überlebender ist zu entnehmen, dass diese Arbeiten unter unterschiedlichsten Bedingungen durchgeführt werden mussten, sowohl was das Aufseherpersonal als auch die Unterbringungs- und Wetterbedingungen, unter denen gearbeitet wurde, anbelangt.

Gab es zu Anfang wohl noch eine recht „gnädige“ Oberaufseherin, so änderte sich dies wohl sehr, als diese durch eine Oberaufseherin, welche Auschwitzerfahrung hatte, abgelöst wurde. Erniedrigungen und Brutalitäten aller Art waren die Folge. Auch wenn manche Häftlinge das Arbeitslager in Oederan als Paradies im Vergleich mit Auschwitz ansahen, so waren die Arbeitsverhältnisse im Vergleich zu heute unmenschlich. Wenn im Winter die Hände mitunter an den Maschinen festfroren und leicht bekleidet mit einfachsten Mitteln Gräben ausgeschachtet wurden, dann kann man nicht von menschlichen Arbeitsbedingungen sprechen. Heute wäre das undenkbar.

Aus Erzählungen in meiner eigenen Familie weiß ich, dass die Zwangsarbeiter u.a. einen Graben für Versorgungsleitungen zur Fabrik Salzmann schachten mussten und es auch in diesem Zusammenhang durchaus kleine Unterstützungen für die Zwangsarbeiterinnen gab. So wurden beispielsweise Nahrungsmittel in unbeobachteten Momenten an die Häftlinge weitergereicht. Dabei erwischen lassen durfte man sich freilich nicht, denn dies stand unter Strafe!

Egal, ob es ein Apfel oder ein Stück Brot war, alles war willkommen. Heute können wir uns nicht mehr vorstellen zu hungern und mit leerem Magen den ganzen Tag arbeiten zu müssen. Damals war es für die Zwangsarbeiter leider normal, und die abendliche Brotverteilung wurde, sofern sie denn stattfand, zu einem nahezu heiligen Ritual.

Trotz kleiner Unterstützungen war das Lagerleben sehr hart. Es war zwar besser als in den Konzentrationslagern, aber eben mit heutigen Maßstäben verglichen weder als  „normal“ zu bezeichnen, noch war es menschenwürdig. So verwundert es kaum, dass einige der Zwangsarbeiterinnen auch hier in Oederan verstarben.

Dahingestellt kann es in diesem Zusammenhang bleiben, ob die Frauen an der Schwächung aufgrund des Lebens in der Außenstelle Oederan oder wahrscheinlich vielmehr an der Gesamtbelastung der vielen Lager zuvor verstarben. Sie alle sind ein Teil der Opfer des nationalsozialistischen Systems.

Drei von ihnen wurden auf dem Oederaner Friedhof beerdigt. Es waren Eva Wertheimer, eine Ungarin, verstorben am 11.10.1944, Chana Cytryn aus Polen, verstorben am 05.2.1945 und Lenka Schwarz aus Ungarn, verstorben am 10.03.1945. Ihrer gedenken wir heute ganz besonders! Die Grabstätte dieser drei Frauen wurde am 6. Februar 2005 gemeinsam mit dem Landesrabbiner Dr. Salomon Almekias-Siegl aus Leipzig nach der Neugestaltung eingeweiht. Heute ist es alljährlich unser Treffpunkt am 27. Januar.

So wie diesen drei Frauen erging es europaweit vielen. Der Nationalsozialismus hat mindestens 13 Millionen Opfer zu verantworten, darunter 6 Millionen Juden. Die tatsächlichen Opferzahlen konnten leider bis heute nicht umfassend erfasst werden. 13 Millionen Menschenopfer sind jedoch eine unvorstellbar große Anzahl.

Wenn man heute das Betriebsgelände der Alterfil GmbH besucht und zur Färberei geht, dann erinnert eine Steintafel an jene Zeit. Auf ihr ist zu lesen: „Zum Gedenken der hier inhaftierten KZ Häftlinge der Außenstelle Flossenbürg.“

So viel zu unserem Teil der Geschichte.

Wir sind heute zusammengekommen, um nicht nur der Opfer des Nationalsozialismus in unserer Stadt zu gedenken, sondern aller Opfer und einen kleinen Beitrag gelebter Erinnerungskultur zu erbringen.

Die Wanderausstellung "Gegen das Vergessen" unter der Schirmherrschaft des Landrats  Matthias Damm, wurde in Zusammenarbeit der François Maher Presley Stiftung mit  der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora zusammengestellt und organisiert. Diese Stiftungen fühlen sich insbesondere dem Gedenken an die Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus verpflichtet und fördern daher derartige Aktivitäten.

Eine weitere wesentliche  Aufgabe der FMP-Stiftung besteht in diesem Zusammenhang in dem Kennenlernen des Staates Israel und seiner Geschichte sowie der Aufklärung über historisch belegte Umstände des deutschen Faschismus. Dies geschieht praktisch u.a. durch die Förderung von Schulpartnerschaften, Publikationen und Ausstellungen.

Diese Ausstellung besteht aus einer Kollektion von Bildern, die in Konzentrations- und Arbeitslagern entstanden sind und von einem jungen Gefangenen angefertigt wurden. Die Bilder zeigen und beschreiben das dortige Leben. Der Zeichner Thomas Geve war 15 Jahre alt, als er im April 1945 Buchenwald verließ, wo er in seiner Lagerzeit auf SS-Formularpapier in Postkartengröße das „Leben“ in den KZs festhielt. Seine Mutter sah er noch ein letztes Mal in Auschwitz, bevor sie dort getötet wurde. Mit seinem Vater, der nach England flüchten konnte, ging er dann nach Israel, wo er als Bauingenieur an herausgehobener Stelle dabei half, das Land aufzubauen. Seit 2012 berichtet er SchülerInnen von der Schoah. Ergänzend sind Schwarz-Weiß-Fotos aus der damaligen Zeit, die den Zeichnungen die Wirklichkeit gegenüberstellen, zu sehen.

 

Wer sich ausreichend Zeit nimmt, der sollte sich auch die DVD anschauen, welche die Ausstellung begleitet. Darauf ist ein Junge zu sehen, der mit Herrn Geve in Buchenwald spazieren geht und Fragen stellt, die ihm der alte Herr beantwortet. Sie ist pädagogisch besonders wertvoll und die Aufbereitung sehr berührend. Diese DVD wird letztlich hier verbleiben und der Schule als Unterrichtsmittel zur Verfügung gestellt werden.

Hier schließt sich der Kreis.

Wir leisten mit dieser Ausstellung erneut einen kleinen Beitrag zur weiteren Entwicklung unseres Geschichtsbewusstseins. Dass dies möglich ist, verdanken wir insbesondere der François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur. Stellvertretend möchte ich daher Herrn Presley und seinem Vertreter vor Ort Herrn Bürgermeister a.D. Steffen Blech danken. Sie geben uns durch ihre Arbeit die Möglichkeit, die Erinnerung wach zu halten. Dass dies notwendig ist, kann man nicht oft genug betonen.

François Maher Presley

Stiftung für Kunst und Kultur
(Gemeinnützige Treuhandstiftung unter dem Dach der Haspa Hamburg Stiftung)
Ecke Adolphsplatz 3, Großer Burstah
20457 Hamburg

 

Schreiben Sie uns und nutzen Sie unser Kontaktformular.

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