Wanderausstellung "Gegen das Vergessen"
Wanderausstellung "Gegen das Vergessen" 

Gegen das Vergessen, Wanderausstellung 5. Station

Tobias Goth, Bürgermeister Leisnig
Heiner Stephan, Bürgermeister a.D. Leisnig

Dauer: 01.05.2021 bis 15.06.2021

 

sowie

Ausstellung zu dem in Leisnig geborenen General Friedrich Olbricht, der am Attentat auf Adolf Hitler vom 20.07.1944 beteiligt war. 

 

Katalogbeitrag

 

Eigentlich sollte es ganz einfach sein. Dokumentationen, Filme oder Redebeiträge zum Anlass des Kriegsendes 1945 sind doch überzeugend. Und wir bräuchten nur passiv zuzuschauen.

Was passiert aber heute immer wieder? Das Wegschauen dominiert, das Entschuldigen wird zu gern genutzt. Die Gefühle der Nichtverantwortlichkeit sind auf der Tagesordnung, wie: Da waren wir noch nicht geboren. Oder: Andere haben das auch getan. Und vieles Unsägliches mehr!

Die Bilanz der Deutschen dazu sieht erschütternd aus. 1933 bis 1945 bald 60 Millionen Tote, vergast, hingerichtet, verhungert und im Weltkrieg getötet. Ein Krieg, der von Deutschland ausging und am 8. Mai 1945 auf deutschem Boden mit dem heroischen Einsatz der Antihitler-Koalition mit sehr großen Opfern beendet wurde. Die Vita der deutschen Verantwortlichen beginnt mit der Unschuld als Kind und endet als Massenmörder. Nicht nachzufühlen, nicht verständlich, aber wahr!

Das Töten von Menschen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurde perfektioniert und maschinell betrieben. Eine einmalige Grausamkeit in der Geschichte der Menschheit! Orte wie Buchenwald, Auschwitz oder Theresienstadt sind einige Beispiele in einer langen Kette des grauenhaften Geschehens, einer Liste von etwa 980 Konzentrationslagern und circa 30.000 Arbeitslagern inklusive ihrer Außenstellen; hinzu kämen noch die vielen jüdischen Gettos. (1)

Jeglicher Widerstand gegen das Naziregime wurde gnadenlos verfolgt. So wurde man zum Beispiel nur für das Abhören von Radiosendungen sogenannter feindlicher Sender hingerichtet. Die Schauprozesse unter dem berüchtigten Strafrichter Roland Freisler, der allein für etwa 2.600 Todesurteile verantwortlich war, später Staatssekretär und ab August 1942 Präsident des Volksgerichtshofs war, verdeutlichen dies. Unter unseren heutigen demokratischen Bedingungen einfach unvorstellbar. 

Trotzdem gab es den Widerstand. Wir machen heute immer noch den Fehler, diesen Widerstand in seiner Wirksamkeit abzuwägen. Das hieße aber auch, die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Mitglieder der „Weißen Rose“, am 22. Februar 1943 vom Volksgerichtshof unter der Leitung von Roland Freisler zum Tod verurteilt und am selben Tag enthauptet, den lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg umgekommen, den Kommunisten Ernst Johannes Fritz Thälmann, der im August 1944 in Buchenwald verstarb, den Kunstschreiner und Widerstandskämpfer Georg Esser, der aufgrund des Bombenattentats auf Adolf Hitler und die nationalsozialistische Führungsspitze in München oft als „Hitler-Attentäter“ bezeichnet wird und am 9. April 1945 im KZ Dachau starb oder den General Friedrich Olbricht, der an dem Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt war und am 21. Juli 1944 hingerichtet wurde, in die Abwägung einzubeziehen. Jeder war und ist auch heute noch ein Vorbild für uns, und das Vergessen oder Relativieren ihrer großen Widerstandsleistung auf Kosten ihres Lebens ist für uns Demokraten nicht möglich, wäre schlimmer noch als ein Tabubruch.

Betrachten wir jedoch aus der Sicht der Stadt Leisnig, Heimatstadt Friedrich Olbrichts, dessen Rolle näher. Seit 1941 war ein kleiner Kreis entschlossener Offiziere darum bemüht, Adolf Hitler durch ein Attentat zu beseitigen und Deutschland von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu befreien. Ein Kopf der Verschwörung war der General der Infanterie Friedrich Olbricht. Bei ihm, dem Chef des Allgemeinen Heeresamtes im Oberkommando des Heeres, liefen alle Fäden zusammen. Er löste nach der Meldung von Hitlers angenommenem Tod am 20. Juli 1944 den Alarmbefehl "Walküre" aus. Die Konsequenzen des Scheiterns nahm er bewusst auf sich: "... ich weiß mit Sicherheit," sagte er kurz vor seiner Erschießung, "dass wir alle frei von irgendwelchen persönlichen Motiven gehandelt haben und nur in einer schon verzweifelten Situation das Letzte gewagt haben, um Deutschland vor dem völligen Untergang zu bewahren. Ich bin überzeugt, dass unsere Nachwelt das einst erkennen und begreifen wird." (2)

Leisnig gedenkt seines großen Sohnes durch eine Ehrentafel an seinem Geburtshaus in der Friedrich-Naumann-Straße 18. Der anliegende Platz wurde 1991 nach ihm benannt, so dass auch zukünftige Generationen sich mit dem Namen "Olbrichtplatz" seiner erinnern. Die bestehende Wanderausstellung zum 20. Juli 1944 und die gemeinsamen Veranstaltungen in der General Olbricht Kaserne zu Leipzig sind für unsere jüngere Generation von großer Bedeutung. Diese Wanderausstellung wird in Leisnig zugleich mit der Wanderausstellung „Gegen das Vergessen“ präsentiert.

Wir alle heute, morgen und in aller Zukunft haben die Verantwortung, gegen das Vergessen einzutreten.

 

(1) www.tagesspiegel.de: Holocaust-Studie: US-Forscher: 42.500 Lager in der Nazizeit... 03.03.2013, zuletzt geöffnet am 09.05.2020

(2) Helmut Schmidt: Das Letzte gewagt. General Obricht – Planer des Staatsstreichs gegen Hitler. DIE ZEIT, 26.09.1991, zuletzt geöffnet am 11.05.2020, https://www.zeit.de/1991/40/das-letzte-gewagt

Ansprache zur Ausstellungseröffnung durch Tobias Goth, Bürgermeister

 

Heute sind wir im Leisniger Rathaus zusammengekommen, um die Wanderausstellung „Gegen das Vergessen" zu eröffnen und damit unseren Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, die Ausstellung im Zeitraum vom 2. Mai 2021 bis 15. Juni 2021 zu besuchen.

 

Gleichzeitig wollen wir in diesem Zusammenhang die Leisniger Friedrich-Olbricht-Dauerausstellung „Widerstand im 2. Weltkrieg" präsentieren. Der 2. Weltkrieg ist in unserer Geschichte immer noch ein starker Bezugspunkt. Das Gedenken an die Ermordeten und Gefallenen, an die Verwundeten und Traumatisierten, an die Vertriebenen und Leidenden vergeht nicht; egal in welcher Zeit und in welcher Lage wir uns als Gesellschaft befinden. An das Ende des 2. Weltkrieges sollte immer wieder erinnert werden. Frieden ist nicht selbstverständlich und die Achtung der Menschenwürde leider auch nicht. Das zunehmende Erstarken des Antisemitismus warnt uns mehr und mehr, und wir müssen wach bleiben und dürfen nicht vergessen.

 

Als 1945 die Waffen schwiegen, kosteten der 1. und 2. Weltkrieg 80 bis 90 Millionen Menschen das Leben. Hinzu kommen hunderte Millionen, die durch die 2 Weltkriege in irgendeiner Weise körperlich oder seelisch verwundet waren, die Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde verloren hatten, die vertrieben wurden, aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Diese nach wie vor unvorstellbaren Verbrechen müssen in Erinnerung bleiben!

 

Ich denke schon, dass wir eine sachgerechte Erinnerungskultur besitzen und die Lehren gezogen haben, die auch künftigen Generationen Orientierung sind. Stolpersteine vor Häusern in der Leisniger Obermarktgasse und in der Kirchstraße, in denen einst jüdische Menschen lebten, erinnern an dieses traurige

Kapitel deutscher Geschichte.

Zum Volkstrauertag gedenken wir den Millionen Kriegstoten und Opfern der Gewaltherrschaft aller Nationen. Denkmale für die Opfer des 1. Und 2. Weltkrieges und des Nationalsozialismus bringen uns zum Nachdenken. Zahlreiche Gedenktafeln in Kirchen und an Gebäuden erinnern an eine dunkle Zeit.

 

Wenn wir uns die 2 Weltkriege vor Augen fahren, so wissen wir doch, dass sich diese gewaltige Tragödie, historisch betrachtet, vor recht kurzer Zeit ereignete.

 

Immer noch leben Menschen, die den 2. Weltkrieg bewusst erlebt haben. Einige davon berichten als Zeitzeugen von den damaligen Erlebnissen. Ich selbst nahm 2015 an einer Veranstaltung des Maximilian-Kolbe-Werkes in der Peter-Apian-Oberschule Leisnig an einem Zeitzeugengespräch teil – Brygida Czekanowska (Jahrgang 1928), Maria Slubinska (1934) und Henriette Kretz (1934) schilderten in beeindruckender Art und Weise die damaligen Geschehnisse.

Doch in der Zukunft wird es diese Zeitzeugen nicht mehr geben.

Dann sind wir alle ausschließlich auf die Dokumentationen angewiesen.

 

Um so wertvoller sind solche Dokumentationen, die uns heute vorgestellt

werden,

 

• die von der ‚Francois Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur’ durchgeführte Wanderausstellung „Gegen das Vergessen" und

 

• die vom Leisniger Geschichts- und Heimatverein erarbeitete Wanderausstellung

zum militärischen Widerstand unter General Friedrich Olbricht sowie den sozialdemokratischen, kommunistischen und bürgerlichen Widerstand.

 

Deshalb gilt unser Dank all denen, die an Geschichtsaufarbeitung und gegen das Vergessen der Gräueltaten deutscher Unrechtsdiktatur arbeiten.

 

Ihre Dokumentationen unterstützen in hervorragender Weise auch den Bildungs- und Erziehungsauftrag unseres demokratischen Schulwesens in Sachsen.

 

Sehr herzlicher Dank geht anlassbezogen an die ‚Francois Maher Presley  Stiftung für Kunst und Kultur’, unter der Schirmherrschaft des Landrates des Landkreises Mittelsachsen Matthias Damm und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

François Maher Presley

Stiftung für Kunst und Kultur
(Gemeinnützige Treuhandstiftung unter dem Dach der Haspa Hamburg Stiftung)
Ecke Adolphsplatz 3, Großer Burstah
20457 Hamburg

 

Schreiben Sie uns und nutzen Sie unser Kontaktformular.

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